10. Gedenkveranstaltung Gegen das Vergessen in Obermenzing

Rede von Almuth David über Dr. Paul Bornstein

 Dr. Paul Bornstein (8.4.1868 Berlin – 30. 7. 1939 München) 27. 1. 2026

Ich möchte Ihnen über Dr. Paul Bornstein berichten, der hier in der Nähe in der Verdistr.103 lebte. Das Haus steht noch.

Paul Bornstein wurde 1868 als Sohn eines jüdischen „Meublesfabrikanten“ in Berlin geboren. Er war Schriftsteller, Literaturhistoriker, Übersetzer französischer Biografien, und v. a. Herausgeber der Werke Friedrich Hebbels und des Briefwechsels des August Graf von Platen.

Vor einem Jahr hatten die Schüler der Realschule an der Blutenburg unter der Leitung ihrer Geschichtslehrerin Frau Tako an die 15 uns bekannten jüdischen Opfer der Shoah aus Obermenzing erinnert. Sie trugen Kurzbiographien vor und zeigten lebensgroße Portraits der Opfer. Der Einzige, von dem es bei dieser Gedenkstunde kein Bild gab, war Dr. Paul Bornstein. Ich nahm mir vor, ein Bild von ihm zu finden.

Foto Dr. Paul Bornstein

Dr. Paul Bornstein *1868 Berlin +1939 Obermenzing hier am Schreibtisch in der Verdistraße, Obermenzing Privatfoto aus dem Nachlass von Dr. Eduard Berend, Deutsches Literaturarchiv Marbach

Hier ist das Bild; es stammt aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und zeigt Paul Bornstein umgeben von Büchern, seiner Leidenschaft und seinem Metier. Aber aufgepasst: in seiner rechten Hand hält der ernste alte Mann im wärmenden Hausmantel ein Kinderspielzeug, warum? Nun, als er 62 Jahre alt war, bekam er noch von seiner 35 Jahre jüngeren Frau einen Sohn. Das Foto entstand ca. 1933. Frau und Kind werden im Biographischen Gedenkbuch der Münchner Juden erwähnt, aber nicht, dass er zuvor schon zweimal verheiratet war.

1892, mit 24 Jahren, übersetzt er die Memoiren des Grafen Cagliostro aus dem Italienischen und gibt sie in der Berliner Memoiren-Bibliothek heraus. Heute sind diese Memoiren als E-book erhältlich. Bornstein kommentiert mit Witz das Leben eines italienischen Hochstaplers, der zur Zeit der Aufklärung lebte und wegen seiner Unterstützung der Freimaurer der Inquisition durch den Papst zum Opfer fiel.

1896 erscheint Bornsteins Gedichtband „Aus Dämmerung und Nacht“. Seine Gedichte sind meist romantisch gefärbt, teils schwermütig. Trotz seiner Jugend ist in vielen Gedichten der Tod das Thema.

Auch in der Zeitschrift Simplicissimus erscheinen frühe Gedichte von ihm.

1898, im Alter von 30 Jahren, wird er Herausgeber einer Publikationsreihe: „Das Ende des Jahrhunderts“ – sie ist eine umfassende Rückschau auf das Geistesleben des 19. Jahrhunderts. Für diese sehr erfolgreiche Reihe gewinnt er viele begeisterte meist junge Autoren. Nur vier Jahre später sind bereits 23 Bände erschienen.

1899, noch in Berlin, veröffentlicht er eine kritische Gesamtschau mit dem Titel:

Die Dichter des Todes in der modernen Literatur“. Tolstoi, Dostojewski, Heise, Maeterlinck, Ibsen, Hofmannsthal und viele andere kommen darin zur Sprache.

In Halle und Berlin hält er damals Vorträge in literarischen Zirkeln über Themen wie: Die Ehe im modernen Roman, oder „Die Darstellung der Künstlerbohéme in der modernen Litteratur“ und versucht damit auch seine Zuhörer für Literatur zu begeistern.

Um 1900 wird Paul Bornstein vom Verlag Georg Müller in München mit der Herausgabe sämtlicher Werke Friedrich Hebbels beauftragt. Geplant waren 14 Bände á 300 Seiten. Zu Bornsteins Lebzeiten erscheinen aber nur 6 Bände.

1904 macht er in Erlangen mit einem philosophischen Thema seinen Doktor: Das Thema: Gottfried Ploucquets Erkenntnistheorie und Metaphysik.

Sein zu diesem Anlass verfasster Lebenslauf gibt Einblick in seine Jugend: mit 15 Jahren hatte er das Berliner Friedrichsgymnasium frühzeitig verlassen, ein Jahr Freiwilligendienst geleistet, bevor er eine Kaufmannslehre in einem „Fabrik-Geschäft“ absolvierte. Schließlich brach er die Lehre ab, ging zurück ans Friedrichsgymnasium, und studierte nach dem Abitur in Berlin und Leipzig Philosophie, deutsche Literatur und Kunstgeschichte.

1901 lebt Bornstein mit seiner ersten Frau Lisette geb. Rosenstock, einer Berliner Jüdin, zunächst in Hamburg. 1905 zieht das Paar nach Pasing in eine Villa in der Oselstr. 37. Die Villa ist erst letztes Jahr renoviert worden.

1906 erscheint In der Fachzeitschrift Literarisches Echo ein Hauptartikel von Bornstein über seine Pasinger Kollegin, die Schriftstellerin Anna Croissant - Rust.

Bisher konnte ich keinen Nachlass von Paul Bornstein finden. Seine Briefwechsel, meist fachlicher Natur, mit zahlreichen bedeutenden Zeitgenossen sind über mehrere deutsche Archive verstreut.

Eine Informationsquelle sind die 1953 veröffentlichten Jugenderinnerungen des Schriftstellers Hans Brandenburg unter dem Titel: München leuchtete. Er beschreibt die gemeinsame Münchner Zeit mit dem 17 Jahre älteren Paul Bornstein, der für ihn zum „väterlichen Freund“ wird.

Er bezeichnet Bornstein als großen Gelehrten, mit grauer Beethovenmähne, durchaus witzig, aber pedantisch bis ins Detail, unermüdlich in Archiven und der Münchner Staatsbibliothek forschend, wobei er als Pendler die „Vorortbahn“ benutzt.

Ein Handicap sei Bornsteins sehr frühe Schwerhörigkeit gewesen, die ihn zum Einsiedler gemacht und seinen Hang zum Monologisieren gefördert habe.

Beide verkehren in der damals sehr lebendigen „Schwabinger Szene“ von bekannten Schriftstellern, Schauspielern und Dramaturgen; auch die berühmten Faschingsbälle gehören dazu.

1907 wird die Ehe mit Lisette geschieden; er heiratet Thekla Heilbuth, geb. Borchardt, ebenfalls eine Jüdin, die geschiedene Frau eines Hamburger Kaufhausbesitzers. Sie mieten eine Villa in Gräfelfing in der Ruffiniallee 6.

1911 kaufen die Bornsteins mit Theklas Vermögen eine große Villa in Dachau in der Prinz-Adalbertstr.1. Die beiden jüngeren Söhne von Thekla aus 1. Ehe ziehen mit ein; Bornstein wohnt dort bis 1929, also immerhin 18 Jahre.

Er widmet sich einem neuen Thema: der Herausgabe des Briefwechsels August Graf von Platens im Münchner Georg-Müller Verlag. Die vier Bände erscheinen zwischen 1911 und 1931.

August Graf von Platen, 1796 in Ansbach geboren, nach Erlangen verzogen, wo Bornstein seinen Doktor gemacht hatte, stammte aus verarmtem Adel, diente als Leutnant im Militär in München, wurde Dichter, reiste durch Europa und führte einen regen Briefwechsel mit vielen bedeutenden Europäern. Er starb 1835 sehr jung in Syrakus auf Sizilien.

Zu seinem 60. Geburtstag, im April 1928, wird Paul Bornstein zum Ehrenmitglied der Erlanger Platen-Gesellschaft gewählt und mit einer Festschrift geehrt.

Zu diesem Anlass entsteht eine Büste von ihm, die der Bildhauer und Schriftsteller Ernst Penzoldt schuf. Vom Literaturarchiv Marbach bekam ich ein Foto dieser Büste; die Büste selbst ist verschollen. Penzoldt stammte aus Erlangen, war mit der Schwester des Münchner Verlegers Ernst Heimeran verheiratet und mit Paul Bornstein befreundet; er soll ihn für die Ehrenmitgliedschaft vorgeschlagen haben.

Übrigens: Ernst Penzoldt schuf 1925 den Altar der Planegger Waldkirche, die 2025 ihre Grundsteinlegung vor 100 Jahren feierte.

1928 ist die Zeitung Dachauer Bote voll des Lobes für ihren langjährigen Dachauer Bürger.

Der Verfasser der Erlanger Festschrift hebt eine besondere literarische Fähigkeit Bornsteins hervor; nämlich: er habe in seiner Tätigkeit als Herausgeber sich immer besonders bemüht, auch den Menschen hinter dem Werk zu erfassen.

Schon seit 1922 war Paul Bornstein von seiner zweiten Frau, Thekla, geschieden und lebte wohl allein in der großen Dachauer Villa. 1930, er ist inzwischen 62 Jahre alt, nimmt sein Leben eine überraschende Wendung, als er von seiner dritten Frau, Anna, einen Sohn bekommt.

Anna, geb. Zachmann aus München, Katholikin, war als 13–Jährige im Dachauer Haus Dienstmädchen gewesen, 10 Jahre später war sie Bornsteins Kontoristin; anscheinend verstand sie viel von seiner Forschung, wie Hans Brandenburg notiert.

Aus finanziellen Gründen muss die Familie das große Dachauer Haus aufgeben und mietet eine kleine Dachgeschosswohnung in der Verdistraße 89 in Obermenzing. Dort ist wohl das Foto mit Bornstein am Schreibtisch entstanden. Aus Marbach stammen auch einige Familienfotos, die Bornstein mit Frau und Kleinkind im nahegelegenen Nymphenburger Park zeigen.

ca. 1933 im Nymphenburger Park
links unbekannt, daneben Dr. Paul Bornstein mit Sohn Paul und seiner Frau Anna geb. Zachmann
(Standort: Statue der Nereide Amphitrite mit Delphin; AD

Noch 1935 werden Bornstein als dem großem Hebbel-Experten vom Leiter des Weimarer Goethe- und Schillerarchivs 120 handschriftliche Briefe des Hebbel‘schen Nachlass-verwalters, Frenzel, zur Bearbeitung in die Verdistraße geschickt. Bornstein hat sie nicht mehr herausgeben können.

Auch die einst beim Beck-Verlag geplante Hebbel-Biografie – eigentlich die Krönung von Bornsteins Lebenswerk, bleibt unvollendet.

1937 zieht die Familie ein paar Häuser weiter in eine etwas größere Dachgeschosswohnung in der Verdistr.103. Dies ist Bornsteins letzter Wohnsitz,

1938 wird er gezwungen, seinen Reisepass abzuliefern. Die danach neu-ausgestellte Kennkarte vermerkt am 18. April 1939:
Ein Lichtbild konnte nicht beigebracht werden, da B. leidend u. dauernd bettlägerig ist.

Die Unterschrift des Kennkarteninhabers fehlt; Begründung: Kann nicht mehr schreiben
Gezeichnet: Polizeipräsidium München

Kennkarte von Paul Bornstein

letzte Kennkarte von Dr. Paul Bornstein, Beruf: „Schriftsteller“, „kann nicht mehr schreiben“
Polizeipräsidium, 18.4.1939     Quelle: Stadtarchiv München

Am 30. Juli 1939 stirbt Dr. Paul Bornstein im Alter von 71 Jahren zu Hause, an einer Embolie. Er wird auf dem Neuen Israelitischen Friedhof bestattet.

Grab von Paul Bornstein

Ich habe den umgelegten schlichten Grabstein von Moos befreit und darunter folgende Inschrift gefunden:

Inschrift Abreibung

Dr. PAUL BORNSTEIN GEST. 30.7.1939

Das sonst übliche Geburtsdatum fehlt.

Sein 1930 geborener Sohn Paul, von Beruf Buchhändler, stirbt schon 1967 im Alter von 37 Jahren an einem Gehirntumor. Sein Grab auf dem Obermenzinger Friedhof wurde inzwischen aufgelassen.

Von seiner Mutter, Anna, weiß ich nur, dass sie irgendwann nach dem Tod ihres Sohnes in ein Dorf nach Niederbayern gezogen ist.

Almuth David




Anmerkungen zu Paul Bornsteins Arbeiten über Friedrich Hebbel (1813-1863)

PB hat zwar die geplante Hebbel-Biographie nicht mehr herausgegeben, aber sein profundes Wissen über Hebbel in zahlreichen Einzel-Beiträgen der Öffentlichkeit mitgeteilt. Hier meine sicher unvollständige Übersicht:

1904 PB (Autor) Vortrag in Halle: Hebbels Drama Herodes und Marianne

1909 Bornstein übergibt einige Jugendbriefe Hebbels aus seinem Privatbesitz an die Öffentlichkeit.

1909 PB (Autor) in der Zeitschrift Literarisches Echo: PB über F. Hebbels Beziehungen zu Musik und Musikern (30 Seiten)

1910 PB (Autor) in Münchner Neuesten Nachrichten: PB ein Brief Freiligraths an Hebbel

1911 PB (Hg) in Bibliophilie-Verlag, München-Leipzig, Bd 1-4, Säkularausgabe: Friedrich Hebbel, sämtliche Werke nebst Tagebüchern und einer Auswahl der Briefe

1914 PB (Autor) in Propyläen-Verlag, Berlin, 2 Bde: Friedrich Hebbels Persönlichkeit: Gespräche, Urteile, Erinnerungen

1925 PB (Hg) Der junge Hebbel, Wesselburen, Lebenszeugnisse und dichterische Anfänge (Ankündigung im Sächs. Staatsanzeiger)

1927 PB (Hg) Hebbel Briefe

1927 PB (Autor-Hg) in Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin: Friedrich Hebbel, ein Bild seines Lebens auf Grund der Zeugnisse, entworfen von Paul Bornstein

1935 PB (Autor) in Zeitschrift Der Morgen: Friedrich Hebbel und Emil Kuh, ihr Verhältnis (Anm. AD: Emil Kuh war Hebbels erster Biograph)

1939 PB (Autor) Beitrag zur Ausstellung in Bochumer Stadtbücherei mit dem Thema: Hebbel und seine Welt:, darin PBs Beitrag Hebbels Persönlichkeit (Mitteilung einer Ztg. von 1939)

Almuth David, 02.02.2026

 

^ nach oben