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Die Kahns aus Memmelsdorf in Unterfranken

Lebensgeschichten einer jüdischen Familie

- Presse -

auf der Website von www.infanken.de stand ein Artikel von Tanja Kaufmann über die Ausstellung in Memmelsdorf, der hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion wiedergegeben ist:


Hassberge

Gesichter machen Geschichte lebendig

28.06.10 Von: Tanja Kaufmann

Es ist nur die Geschichte einer Familie, und doch erzählt eine neue Ausstellung in der Synagoge Memmelsdorf (Gemeinde Untermerzbach) zugleich die Geschichte der Juden in Franken, von Glauben, friedlicher Koexistenz und Wohlstand, von Leid, Unterdrückung, Deportation und Mord, aber auch von einem Neuanfang in der Fremde.

Die etwa 90 Jahre alte Aufnahme der Familie Kahn steht im Mittelpunkt.

An 24 Stationen können Besucher das Leben der Großfamilie Kahn nachvollziehen, die einst in Memmelsdorf lebte. Die Synagoge, die auch die Kahns seinerzeit besuchten, ist faszinierender und bewegender Schauplatz der Ausstellung. Fotos: Tanja Kaufmann

Bürgermeister Helmut Dietz heißt Julie Kahn willkommen, eine der weiblichen Nachfahren der Memmelsdorfer Familie.

Besonders beeindruckend war der Besuch der Nachkommen zur Ausstellungseröffnung: Julie Kahn und ihre beiden Töchter reisten aus den USA, Manfred Kahn aus den Niederlanden an. Die Großväter von beiden verbrachten ihre Kindheit in Memmelsdorf und hatten hier ihr Elternhaus.

Wieder einmal könnte kaum ein Ort besser geeignet sein zur Begegnung, zur historischen Spurensuche und zum gemeinsamen Erinnern als die Synagoge. Einst als Beweis des voll integrierten Zusammenlebens inmitten der kleinen Ortschaft erbaut, wo die Übersiedlung der Großfamilie Kahn im Jahr 1869 aus dem unweit gelegenen thüringischen Gleicherwiesen seinerzeit erwünscht und positiv aufgenommen worden war, bald geschändet und missbraucht, heute als lebendiges geschichtliches Dokument erhalten.

Hier beteten auch die Kahns, die bei der Eröffnung der Ausstellung mit vielen Bildern mitten unter den Besuchern sind. Die Familie Kahn, seit Generationen Viehhändler, fand ihren Platz damals in einer großen jüdischen Gemeinde, wie Untermerzbachs Bürgermeister Helmut Dietz in seiner Begrüßungsrede erzählt. Mit knapp 240 Personen machten die Juden in Memmelsdorf damals knapp die Hälfte der gesamten Bevölkerung aus, es waren angesehene Mitglieder im Ort. Doch der Antisemitismus, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts spürbar, griff um sich und brachte die Familie Kahn Anfang 1939 zu einem Umzug nach München, wo sie sich mehr Sicherheit erhofften.

Zahlreiche Familienmitglieder wurden dennoch Opfer der Shoah, verfolgt, verjagt, deportiert und ermordet. Keiner der Überlebenden der Familie Kahn ist nach 1945 nach Memmelsdorf zurückgekehrt. Mit der sehenswerten Ausstellung, die auch bei vielen Memmelsdorfern wichtige (Kindheits-)Erinnerungen wach rufen kann, leben sie in der alten Heimat und in den Köpfen der Menschen hoffentlich weiter.

Exempel für das Grauen

Manchmal ist es notwendig, dass Geschichte ein Gesicht bekommt. In der Synagoge in Memmelsdorf sind bis zum 1. August die Gesichter und Lebensläufe der Familie Kahn zu sehen, die einst hier ihre Heimat hatte und deren Familiengeschichte symptomatisch das Grauen des Nationalsozialismus widerspiegelt.

Auf die Suche nach den Spuren der Familie Kahn haben sich Doris Barth und Almuth David gemacht, die im Zuge einer anderen Ausstellung über Jüdische Lebenswege im Münchner Westen auf den Namen gestoßen waren. Ihre Nachforschungen im Laufe der Zeit ergaben eine derartige Fülle an Material, die die Münchner Ausstellung sprengte und (in Zusammenarbeit mit dem Institut für zukunftsweisende Geschichte München und Dr. Bernhard Schoßig) eine eigens konzipierte ergab: Ein umfassendes Porträt der Familie Kahn über sechs Generationen.

Mit dem Porträt der Kahns, das das integrierte und harmonische Leben des Landjudentums im ausgehenden 19. Jahrhundert ebenso zeigt, wie die menschenverachtende Herrschaft der Nationalsozialisten und ihre Auswirkungen auf eine einzelne Familie, bekommen Zahlen und Statistiken eine ganze Reihe von Gesichtern. Das von Selig Kahn beispielsweise, inmitten seiner Familie, umgeben von seinen Kindern an der Treppe des Memmelsdorfer Hauses, heute Judengasse Nummer 5. Ein Bild aus dem Leben, fotografiert etwa um 1918, als die Söhne aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt waren, in dem sie als Deutsche ihr Leben riskierten. Das Foto hat eine abenteuerliche Reise hinter sich: Es wurde 1936 nach Holland gerettet, 1939 nach Palästina gebracht und in Kopie von Seligs Enkel Siegbert Kahn an Cordula Kappner während einer Israel-Reise übergeben; nun ist es nicht nur Aufhänger einer bemerkenswerten Ausstellung, sondern für die Nachkommen ein einmaliges und bislang noch nie gesehenes Andenken an die Ahnen im fränkischen Memmelsdorf.

Gesichter und Geschichten

Die Ausstellung zeigt Gesichter und Geschichten, die ihrerseits durch die unterschiedlichen Gefühle und Gedanken der Besucher geprägt und immer wieder neu rezipiert werden, wie Hansfried Nickel, Vorsitzender des Träger- und Fördervereins der Synagoge, in seiner zweisprachigen Begrüßung bemerkt.

Zweisprachig deshalb, weil mit Julie Kahn und ihren Töchtern aus den USA und Manfred Kahn aus den Niederlanden leibhaftige Nachfahren der Memmelsdorfer Familie in die Heimat ihrer Urgroßeltern zurückgekehrt sind, um die Ausstellung zu sehen. Es gibt der Ausstellung ein ganz besonderes Gewicht, die Enkelin von Simon Kahn und den Enkel von Hugo Kahn, zweier der fünf Söhne von Salomon Selig und Marie Kahn, in der Synagoge zu erleben. In perfektem Deutsch spricht schließlich Manfred Kahn zu den Besuchern, dessen Großvater Hugo bis 1908 hier in Memmelsdorf aufgewachsen ist, wo der Enkel selbst bislang noch nie gewesen war. Dankbar zeigt sich Kahn für die Familienzusammenführung, zu der durch die Recherche der beiden Autorinnen Verwandte in Amerika, Israel und den Niederlanden ausfindig gemacht worden sind.

"Jetzt lebt die Familie für mich!", bekennt Manfred Kahn in bewegenden und bewegten Worten. Musikalisch bewegen zur Ausstellungseröffnung die fränkisch-jiddischen Weisen, Musik aus Amerika und Israel, die ihrerseits dargeboten von der Gruppe "Intermusica" die Familien- und Volksgeschichte lebendig und authentisch werden lässt.

Die Ausstellung

Die Ausstellung, die noch bis zum 1. August in der Synagoge in Memmelsdorf zu sehen ist, dokumentiert am Beispiel der Familie Kahn die Lebensbedingungen von Landjuden in Thüringen und Franken im 19. und 20. Jahrhundert. Darüber hinaus zeigt die Dokumentation viele individuelle Schicksale der Familiengeschichte, die exemplarisch stehen für viele, die ihre jüdischen und dörflichen Gemeinden verlassen mussten: Emigranten und Kaufleute, die sich Existenzen in Amerika und in der Großstadt aufbauten, Deportierte und Ermordete während der Naziherrschaft, aber auch Auswanderer, die in Israel, den USA und den Niederlanden neue Existenzen gründeten.

Die Ausstellung kann jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr und jeden Dienstag von 13 bis 16 Uhr besucht werden; Ausstellungsführungen durch die Autorinnen Doris Barth und Almuth David werden am Sonntag, 11. Juli und am Sonntag, 1. August, jeweils von 14.30 bis 16.30 Uhr angeboten.

Ein Aufruf zum Schluss

Gesucht werden Bilder von Trina Kuttner, geb. Kahn (1860-1943), Schwester von Selig Kahn, die 1878 aus Memmelsdorf nach New York emigrierte, dort 1887 heiratete, irgendwann nach Deutschland zurückkehrte,
1914 in Berlin lebte, nach 1918 zurück nach Memmelsdorf/Ufr. ging, um ihrem seit 1918 verwitweten Bruder Selig Kahn den Haushalt zu führen. Sie lebte bis anfang 1939 wieder in Memmelsdorf, zog dann wegen des zunehmenden Antisemitismus nach München. Von dort wurde sie nach Theresienstadt deportiert und 1943 ermordet. Fotos nimmt der Trägerverein Synaoge Memmelsdorf dankend entgegen.


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